VIV-ARTE ® KINÄSTHETIK-PLUS BEWEGUNGSSCHULE VAP + VAT®
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VAP-Seminar Pflege zu Hause in Lörrach

Eindrücke der Teilnehmerin Susanne Kellner als Auszug aus ihrem Buch, ergänzt mit Bildern vom Seminar

Aus dem Buch von Susanne Kellner:

 

„Du hast mich auf den Kopf gestellt. Überleben mit einem besonderen Kind.“

 

Kinästhetik-Kurs

Unsere Perle von der Sozialstation kommt wie jeden Dienstag-nachmittag zu uns nach Hause, um Jonathan zu baden. Heute hat sie eine Überraschung dabei: ein Faltblatt, das Informationen über

einen Kinästhetik-Kurs enthält. Mit diesem Tipp trifft sie voll ins Schwarze. Der Kurs ist nicht nur für pflegende Angehörige mit ihren Patienten konzipiert, sondern findet auch noch an Dirks Urlaubswochenende nach Ostern statt! Learning by doing am lebenden Objekt. Das ist stark!

Sofort melden wir uns an. Wir dürfen nicht nur den Rollstuhlchampion, sondern auch die kleine große Schwester mitbringen. Perfekt!

In den Räumlichkeiten eines evangelischen Altenpflegeheims tummelt sich eine bunte Gruppe von Menschen mit chronischen Erkrankungen. Jonathan ist mit Abstand der Jüngste. Ein großer vollbärtiger Apotheker heißt uns herzlich willkommen. Zusammen mit dem Pflegeberater seiner Apotheke hat er den Kurs in unserer Nähe organisiert. Die leitende Fachkraft Heidi, eine Schweizerin Anfang fünfzig, macht von Anfang an einen sehr kompetenten Eindruck. Den Grund,

warum sie sich mit viel Ehrgeiz in die Materie eingearbeitet hat, verrät sie gern. Ihr Mann ist Tetraplegiker, seine Arme und Beine sind gelähmt. Mit ihm probiert sie seit Jahren alle Übungen aus und optimiert diese nach Bedarf. Wenn sie nicht beruflich unterwegs ist, pflegt sie ihn ganz allein. Ich bin beeindruckt. Wieviel er in Proportion zu ihr wohl wiegt?

Zuerst sitzen wir auf unseren Stühlen und erkunden verschiedene Möglichkeiten, uns zu erheben und wieder zu setzen. Dabei machen wir uns die eigenen Bewegungsabläufe bewusst. Verwende ich die Hände oder stehe ich vollkommen frei auf? Rolle ich seitlich über die Stuhllehne und stütze mich mit den Händen ab, oder nehme ich Hüfte und Po zu Hilfe? Theoretisch habe ich zwei Arme, zwei Gesäßhälften und zwei Beine zur Verfügung! Spannend ist das. Der Pflegeberater ergänzt, dass wir von Kleinkindern im Gehlernalter am meisten lernen können. Denn die bewegen sich noch mit so wenig Kraftaufwand wie möglich und genau darum geht es. Ich ziehe, schiebe oder drücke nicht, sondern bewege mich mit dem Pflegebedürftigen. Die Prinzipien leuchten ein. Die Umsetzung dagegen erweist sich als kniffelig. Auf jeden Fall spüre ich ab jetzt immer sofort, wenn ich etwas

falsch mache!

Wenn ich Jonathan über die Schulter lege, kann ich ihn zwar von meinem Oberschenkel aus aufwärts drehen, allerdings sacken seine Beine weg, und dann hängt er mir um den Hals. Mir fährt es in den Rücken. Mit gesunden Menschen sind die Übungen einfach, weil sie intuitiv mitmachen.

Genau deshalb konzentrieren wir uns in den zwei Tagen nicht auf alle Grundlagen, sondern auf unsere individuell sehr unterschiedlichen Bedürfnisse. Besonders beliebt ist das Lagern und Umsetzen vom Bett in den Rollstuhl oder vom Rollstuhl auf eine andere Sitzmöglichkeit. Ich benötge noch den Transport vom Boden zum Sofa. Schließlich soll Jonathan so lange und so viel er kann auf dem Boden unserer Wohnung krabbeln. Nach einer guten Stunde gibt es bereits die erste

Pause. „Bewegung ist komplex“, sagt der Pflegeberater. Allerdings, das ist mir zuvor gar nicht bewusst gewesen. Schon jetzt dröhnt mein Kopf von neuen Informationen, während ich mich frage,

wie ich das konkret anstelle.

Matthea hat ihr rosafarbenes Reiseköfferchen mit Spielen und Kuscheltieren gepackt. Der sympathische Apotheker findet große Freude daran, sich mit ihr zu beschäftigen. Er spiele so gern und zu Hause habe er keinen, der mitspielt, gesteht er mir. Zuerst stellt sie ihre drei-ebenfalls rosafarbenen- Einhörner Annabell, Isabell und Sarah vor, die natürlich eine Familie sind. Dann

erzählt sie ohne Punkt und Komma vom Kamel, dem Affen und warum wer Pfannkuchen essen darf und, und, und. Wie schön, dass sich pausenlos jemand ihrer annimmt. Genau so hatte ich das erhofft.

Dirk und ich wechseln uns mit Jonathan ab. Längst steht ein Krankenbett mitten im Stuhlkreis. Jonathan fährt mit dem Rolli an das Bettgestell und zack-zack, zwei kleine, gekonnte Handgriffe, und er liegt im Bett, dasselbe in die Gegenrichtung. Wow! Der Frechdachs kugelt sich hin und her, denn er darf mitmachen und genießt die gesammelte Aufmerksamkeit. Heidi gefällt ihm. Das habe ich mir gleich gedacht. Sobald ich das Umlagern machen soll, scheitere ich an meinen vor kurzem

noch so klaren Vorstellungen. Wie war das gleich? Wo soll ich anpacken? Natürlich nutzt der Schlingel meine Schwäche um „Aua, aua!“ zu schreien. Bei den Eltern macht alles weit weniger Spaß. Warum sollte er jetzt ebenso motiviert mitarbeiten? „Jonathan, wenn du das alleine kannst, bekommst du von mir so ein großes Eis!“ Ich forme mit den Armen eine gigantische Eistüte nach, wieder einmal mehr spontan als bedacht. Alle lachen. Jonathans Gesicht strahlt auf. Mist, das war wirklich unpädagogisch! Aber Belohnungen sind und bleiben ausgesprochen wirkungsvoll! Der Transfer von Rollstuhl zu Bett und wieder zurück wird künftig mit etwas Übung keine Mühe mehr bereiten! Nun fehlt noch die Aufwärtsbewegung vom Boden in den Rollstuhl. Die Spezialisten legen sich Jonathans Beine über die Knie, setzen sich irgendwie auf die Ferse ihres anderen Beines und drehen sich im Halbradius elegant nach oben. Hoch, zurück, hoch, zurück, es sieht aus wie ein

Kinderspiel. „Etagenaufzug!“, lautet Heidis Stichwort. Jonathan gackert vor Vergnügen. Leider hat Jonathan fast keine Rumpfmuskulatur mehr und sackt ohne Stütze bereits in meinem Schoß in sich zusammen. Wie soll ich sitzen, ihn halten und mich gleichzeitig mit ihm aufrichten? Liegt es an meinen vergleichsweise kurzen Armen und Beinen, an mangelnder Kraft oder am fehlenden Durchblick? Am zweiten Tag hat Dirk die Bewegung raus. Das ist super! Bedeutet das nie wieder

Rückenschmerzen für ihn? Mir dagegen fährt es in den rechen Oberschenkel. „Das dauert!“, tröstet mich der nette Berater. „Ich habe diesen Dreh erst nach dem fünften Modul Kinästhetik beherrscht.“

Eine Broschüre mit vielen anschaulichen Bildern erhalten wir auch. Am allerbesten jedoch ist die Tatsache, dass der nette Pflegeberater so oft und so lange wir wollen zu uns nach Hause kommt. Als Ausbilder für Kinästhetische Mobilisation leitet er dort an, wo sich der Patient am häufigsten aufhält, und zwar genau die Abläufe, die in der jeweiligen Phase gerade benötigt werden. Bezahlbar ist das Ganze auch noch. Ich bin begeistert! Menschen bewegen-Perspektiven geben steht auf dem Deckblatt der Kursunterlagen. Mit viel Geduld und Übung könnte ich mir alle Kenntnisse aneignen

und Jonathan- unabhängig von seinem Gewicht- wesentlich selbständiger pflegen. Yes, we can!

SCM Hänssler im SCM-Verlag GmbH&Co.KG

ISBN 978-3-7751-5590-8

 

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